Akademie im Dialog

Dämonen blicken auf uns herab

Visionen zum „Himmel auf Erden“ führten vor gut 800 Jahren zum Bau der filigranen Säulen- und Gewölbestruktur gotischer Kathedralen: Es war eine Revolution im Kirchenbau.
Gottes Licht wurde zwischen schlanken Säulen in scheinbar schwere losen großen farbigen Fenstern aus besonderem Glas sicht- und erlebbar: Es war die Geburtsstunde der Gotik. Faszination ergriff die Menschen im Mittelalter, wenn sie die Kathedralen betraten. Auch heute werden wir zum Nachdenken angeregt, wenn wir diese filigranen, eleganten, hohen, lichtdurchflutenden Kirchenschiffe betreten. An den Außenfassaden staunen wir über die feine Fassadengliederung mit Steinfiguren der Heiligen Familie, Engelscharen und Heiligen. (siehe Osteologie 2/2014, S. 90; Osteologie 1/2015)

Monster und Dämonen am Münster?

Welche grotesken Figuren ragen auffallend waagerecht aus den Außenfassaden hervor? Fratzen schauen uns direkt an: Monster, Dämonen, unheimliche Gestalten, hässliche Tiere (▶Abb. 1)! Wie passt das zu der Vision des goldenen Himmels auf Erden? Fabelwesen blicken grinsend auf uns herab. Wer hat sich diese steingewordenen Ungeheuer damals ausgedacht? Sahen die Besucher der Münster damals wie auch wir heute diese obszönen Gestalten genauer an? Sind diese Figuren der Hölle entsprungen oder Grenzgänger zwischen Himmel und Hölle an einem sakralen Bauwerk? Meist entdeckt man diese fantasievollen Skulpturen an den Strebepfeilern unterhalb der Strebebögen, die die Lasten des Kirchenschiffs nach außen verteilen. Diese sonderbaren Wesen hatten zwei Aufgaben: Als Wasserspeier leiteten sie Wassermassen von den Dächern ab; in Gestalt von Dämonen oder Tieren hatten sie symbolische Bedeutung.

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